Seit ungefähr einem Monat ist das Meinungsmedium „The European“ online, und verspricht Kontroverse, Diskussion und Abendland – klingt alles eigentlich eher amerikanisch, und eigentlich ein bisschen fundamentalistisch, oder?
„Abendländisch und leger“ will man sein, das hatte Chefredakteur Görlach schon vor dem Start seines Projekts „Meinungsjournalismus im Netz“ gesagt, doch was heißt das eigentlich?
Die Antwort darauf erhält man in einer Fülle von Videos, Görlach, studierter Theologe an der Al-Azhar und Vatikan-Absolvent, scheut die Kamera nicht, man ist schließlich Web 2.0 und nicht Print. Dass dies nicht bedeutet, dass man die Qualitätsregeln des Journalismus verletzt, darauf pocht Görlach. Viel mehr ist er überzeugt, dass gerade mit „TheEuropean“ wieder Schwung in die Bude kommt, denn „Guter Journalismus muss mehr leisten als Nachrichten,“ wie es hier heißt. Guter Journalismus braucht viel mehr Meinungen und Köpfe, und vor allem Köpfe und Meinungen, denn man ist schließlich „leger“, und es gilt eine „Marke“ zu etablieren Für die harte Arbeit der Korrespondenten in aller Welt, hat Görlach wenig übrig, viel mehr glichen sich alle Nachrichten-Webangebote wie ein Ei dem Anderen. Dass dies vielleicht eines der großen Mankos des derzeitigen, panischen Onlinejournalismus-Hypes insgesamt sein könnte wird, übersehen, dabei gibt es im Print bis heute eine Fülle von Stories abseits des einförmigen Agenturmeldungsbreis der online geboten wird.
Für TheEuropean gilt der Vorwurf des Einheitsbreis natürlich nicht, denn hier werden eigene Inhalte angeboten. Dass sich die Mitglieder der Redaktion dafür wahrscheinlich eher selten von ihren Laptops weg bewegen ist wenig wichtig. Aber es geht ja sowieso um Meinungen, Köpfe und Marken, denn das macht ja eigentlich den guten Journalismus aus.
Irgendwie kommt einem das ganze Konzept dann ziemlich schnell bekannt vor, riecht es doch sehr nach amerikanischen Sensationsgeheische. Doch daraus mach Chefredakteur und Gründer Görlach auch gar kein Geheimnis, die Vorbilder sind die amerikanischen Blog-Legenden HuffPost und DailyBeast – Sehr europäisch.
Doch soll man nicht voreilig schließen, denn Görlach erklärt den „europäischen“ Ansatz hinter „TheEuropean“ ausführlich: Man will abendländisch sein. Klingt nach Kampf der Kulturen? Ist wohl auch so gemeint. Vordergründig geht es um aristotelische Diskussionskultur, Demokratie und westliche Toleranz, doch damit ist nicht Schluss, es geht auch um die Überlegenheit der europäischen Kultur. Dementsprechend findet die rhetorische Frage „Was kann Europa dem Rest der Welt im 21. Jahrhundert geben?“ auch umgehend ihre Beantwortung: Europa soll „Pate stehen für andere kulturelle Räume.“ Klingt irgendwie auch nach jüngster US-amerikanischer Geschichte? Ja, Schlagwort: Demokratieexport.
Doch da enden die Gemeinsamkeiten zu bestimmten Schichten der amerikanischen Gesellschaft nicht, denn mit abendländisch scheint nicht europäisch gemeint zu sein, sondern christlich. Chefredakteur Görlach faselt in einer zwei minütigen Videokolumne zum Thema „Vereidigung der neuen Bundesregierung“ nicht nur über „den heidnischen Osten“, sondern auch darüber, dass Politiker, die während ihrer Vereidigung das berühmte „so wahr mir Gott helfe“ aussprechen, ein Bekenntnis ablegen würden, dass sie eigentlich gar nicht verstehen – doch Görlach erklärt die „Bedeutung des Schwurs“ gerne. Demnach würden die Politiker nicht nur bekennen, dass es über ihnen nicht nur das Volk, sondern auch einen Gott gibt. Jedoch meint Görlach nicht irgendeinen Gott, sondern einen „echten Gott, den christlichen Gott, und nicht irgend so einen Lebenshilfemaskottchen“. Doch die Mittelalterlichkeit dieser Aussage übertrifft Görlach noch, wenn er davon spricht, dass die neu-vereidigten Politiker damit Verantwortung für ihr Handeln übernehmen würden, die nicht nur in diesem Leben sondern bis zum Tag des Jüngsten Gerichts, bis vor „den Richterstuhl Gottes“ gilt. Die Politiker sind also eigentlich nur zum Teil dem Volk verpflichtet, und eigentlich im Auftrag des „christlichen Gottes“ unterwegs? Hat nicht auch die vergangene US-Administration ähnlich argumentiert, und zwei Invasionen damit gerechtfertigt? Irgendwie schmeckt das alles nach einem christlichen Fundamentalismus, der nicht so recht einen Platz hat im 21. Jahrhundert, und Menschen anderer Religionen, welche eines dieser „Lebenshilfemaskottchen“ anbeten, ziemlich nahe treten dürfte. Europäische Toleranz und Offenheit klang mal anders, und man kann nur hoffen, dass diese neuen „Europäer“ nicht weiter auf dem Vormarsch sind.
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